Rückblick auf die VI. Tagung

Die VI. Tagung des Muslimischen Forums (ehemals Österreichische Islamkonferenz) fand am 24. Mai unter dem Titel „Islam – Maskulinität – Geschlecht: Muslimische Männlichkeiten“ statt. In gewisser Hinsicht griff die Themenwahl zurück auf die im April 2024 veranstaltete Tagung, die sich dem Thema „Die Frau und das Weibliche im Islam“ gewidmet hatte. Stand dort die Frage nach den Möglichkeiten individueller und gesellschaftlicher Emanzipation muslimischer Frauen und Mädchen im Spannungsverhältnis zu ihrer Herkunftskultur wie auch ihrer Umgebungsgesellschaft im Mittelpunkt, fokussierte die Tagung diesmal die geschlechterspezifischen Erfahrungen und Selbstverhältnisse muslimischer Männer. Dass diese nicht weniger widersprüchlich sind als die muslimischer Frauen, wird in der bildungspädagogischen und Sozialen Arbeit häufig eher ausgeblendet, weil Erfahrungen von Leid, Ohnmacht und Frustration muslimischer Männer  seltener als die entsprechenden Erfahrungen von Frauen Gegenstand der Arbeit sind.

Diesem Defizit versuchte die Tagung abzuhelfen, indem sie nach Möglichkeiten männlicher Emanzipation jenseits fremdbestimmter Rollenbilder fragte, die muslimischen Männern sowohl religiös, kulturell und innerfamiliär, wie seitens westlicher Umgebungsgesellschaften auferlegt werden und die diese sich nicht selten selber aktiv zueignen. In seinem einleitenden Statement hob Mouhanad Khorchide den innerpsychischen Konflikt vieler muslimischer Männer hervor: Dieser besteheaus dem Spannungsverhältnis zwischen der rigiden „Normativität“ traditioneller islamischer Rollenverständnisse von Männlichkeit und den Unsicherheiten und Enttäuschungen, die Muslimen regelmäßig im gesellschaftlichen Alltag begegneten. Nicht nur seien solche vom eigenen sozialen und familiären Umfeld vermittelte Rollenbilder an sich oft so geartet, dass die individuellen Männer ihnen nie vollständig gerecht werden könnten. Auch erzeugten die häufig prekären sozioökonomischen Lebensbedingungen Erfahrungen von Enttäuschung, Versagen und Scheitern, die das als Kränkung der Ehre empfundene Gefühl, „kein richtiger Mann“ zu sein, zusätzlich bestärkten. Um die daraus resultierenden Erfahrungen von „Kontrollverlust“ zu reflektieren, ständen für muslimische Männer (ob sie nun der Vätergeneration oder der jungen Generation angehörten) häufig keine Foren und Institutionen zur Verfügung, in denen sich frei von Angst und Scham sowie unter Verzicht auf impulsive Aggression über geschlechterspezifische Konflikterfahrungen nachdenken und sprechen lasse.

Die Vorträge und die Podiumsdiskussion ebenso wie der die Tagung begleitende Workshop waren dementsprechend praxis- und handlungsorientiert. Ahmet Toprak, Professor für Erziehungswissenschaften an der FH Dortmund, verknüpfte in seinem Vortrag über traditionelle Männlichkeitsnormen als Gewaltlegitimierung empirische und theoretische Einsichten über die Sozialisation und die psychischen Abwehrmechanismen junger und männlicher muslimischer Gewalttäter. Am Beispiel des von ihm abgehaltenen Anti-Gewalt-Trainings, das im Rahmen der Resozialisation von jugendlichen Mehrfachgewalttätern pflichtgemäß absolviert werden muss, arbeitete er Gemeinsamkeiten im geschlechterspezifischen Selbstverhältnis und in den Männlichkeitsbildern junger muslimischer Männer heraus. Außerdem veranschaulichte er Abwehr- und Rationalisierungsstrategien, die angewendet werden, um über das eigene Gewaltpotential und dessen Verbindung zum eigenen Männlichkeitsverständnis nicht nachdenken zu müssen. In einer von ihm exemplarisch zugrunde gelegten Gruppe 228 Jugendlicher zwischen 14 und 21 Jahren, die als Mehrfachgewalttäter auffällig geworden waren, seien nicht nur viele Schulabbrecher und junge Männer, die in der eigenen Familie Gewalt erfahren hätten; ein hoher Anteil von ihnen weise überdies erhebliche sprachliche Einschränkungen auf und sei kaum in der Lage, Gefühle angemessen zu artikulieren und Konflikte verbal auszutragen. Zwischen solchen sprachlichen Defiziten und der Neigung zur Gewalttätigkeit bestehe eine deutliche Korrelation.

Zu den Rationalisierungen, die ihm am häufigsten bei jugendlichen muslimischen Gewalttätern begegneten, gehöre die Formel: „Ich bin eigentlich nicht aggressiv.“ Eigene gewalttätige Handlungen und Impulse würden so zwar nicht komplett verleugnet, aber als Kurzschlusshandlungen und Ausnahmen eines ansonsten zivilisierten Alltagsverhaltens gedeutet. Tatsächlich verleugnet werde jedoch der immanente Zusammenhang zwischen begangenen Gewalttaten und der eigenen Sozialisation, deren Wertekanon und dem damit verbundenen Ideal von Maskulinität. Als Rechtfertigung gewalttätiger Handlungen diene am häufigsten die gekränkte eigene Ehre, die auch durch vorgebliche Respektlosigkeit gegenüber der Mutter, der Frau, der Schwester oder männlicher Freunden sowie durch die Unterstellung, „schwul“ zu sein, verletzt werden könne. Den Begriff der Ehre präzisierte Toprak anhand verschiedener Ehrbegriffe im Türkischen, wo Onur den durch Einhaltung traditioneller Werte vermittelten Stolz meine, Namus die mit der Familie und dem Geschlecht verbundene Ehre, Saygı das gesellschaftliche Ansehen und Şeref den Respekt, der einem von anderen aufgrund eigener Handlungen entgegengebracht werde. In unterschiedlichem Grad seien all diese Ehrbegriffe durch Außensteuerung bestimmt. Anders als die Begriffe des Gewissens und der Würde bezeichneten sie, in welcher Weise und in welchem Maße der Wert des Einzelnen durch das bestimmt werde, was andere von ihm und seinem Verhalten denken, und weniger dadurch, wie er selbst darüber urteilt. Auch die Begriffe der Freundschaft, Treue und „geistigen Stärke“ würden durch solche Außensteuerung in der männlichen Sozialisation häufig eher fremdbestimmt als individuell aufgefasst. Darin sah Toprak einen Grund für die Gewaltaffinität junger Muslime, der konfrontativ und zurechtweisend statt mit verfrühten Kompromissangeboten zu begegnen sei. Die Frage, welcher der vorgestellten Ehrbegriffe am ehesten Raum biete für Aneignung im Sinne eines individuellen Gewissens, blieb in der Diskussion offen.

Der Soziologe und Psychologe Kazim Erdogan, Vorsitzender des Berliner Vereins Aufbruch Neukölln e.V., der frühesten und einer der bedeutendsten Organisationen zur Förderung der Selbsthilfe muslimischer Männer, stellte mit seiner „aufsuchenden“ Sozial- und Bildungsarbeit ein Konzept vor, das zur „konfrontativen Pädagogik“ in einem komplementären Verhältnis steht. Der Verein, der seit 2007 besteht und bei dessen wöchentlichen Treffen anfangs nur zwei und gegenwärtig um die 100 Teilnehmer anwesend sind, wird staatlicherseits nur temporär und kommunal gefördert. Die Teilnehmer der Treffen sind zwischen 22 und 74 Jahre alt, mehrheitlich gehören sie eher der Eltern- und Großeltern- als der jüngeren Generation an. Ein Drittel der zusammenkommenden Männer ist alleinerziehend. Die Neigung zu häuslicher oder auch öffentlicher Gewalttätigkeit, der sich Topraks Arbeit widmet, steht nicht im Mittelpunkt von Aufbruch Neukölln e.V., ist aber ein wiederkehrendes Thema der Gespräche. Vor allem widmet Erdogan sich der über Jahrzehnte verfestigten „Sprachlosigkeit“ und „Kommunikationslosigkeit“ muslimischer Männer, die darunter leiden, keine lebendige Beziehung zu ihren Frauen, Kindern, Familienangehörigen und Freunden zu haben. Entgegen dem verbreiteten islamischen Ideal des Familienvaters als Oberhaupt, sähen sich die Väter, Großväter, aber mitunter auch die Brüder, mit denen er arbeite, als Zugehörige eines „schwachen Geschlechts“, weil sie durch Arbeitslosigkeit, schlechte berufliche Möglichkeiten, sprachliche und soziale Defizite sowie mangelnde Sozialkontakte als „Ernährer“ ebenso ausfielen wie als Autoritätsfiguren.

Diese Defizienzerfahrung verstärke die oft ohnehin bestehende Scham gegenüber weiblicher Sexualität, die Unsicherheit gegenüber anderen, als Konkurrenz empfundenen Männern und das Gefühl der Resignation. Neben den häufig ungeselligen muslimischen Männer-Cafés, in denen die Männer immer nur einander begegneten, beschäftigten sich die Männer vor allem mit rituell eingeschliffenen, sich immer wiederholenden Tätigkeiten. Zu Elternversammlungen in den Schulen ihrer Kinder, die fast nur von muslimischen Müttern besucht würden, erschienen sie selten; anders als das Klischee über muslimische Familien unterstellt, erhielten sie oft von ihren Frauen ein Taschengeld statt umgekehrt und könnten sich keine eigenständige ökonomische Existenz aufbauen. Solche Frustrationserfahrung begünstige häusliche Gewalt gegenüber Frauen und Kindern, aber auch einen „Liebesentzug“, der den Familienzusammenhalt weiter schwäche. Anschaulich beschrieb Erdogan am Beispiel eines Mannes, dem er zur Belebung der Beziehung zu dessen Frau auftrug, ihr Blumen zu kaufen, wie den Männern alltäglich erscheinende soziale Fähigkeiten allererst beigebracht werden müssten. „Aufsuchende“ Sozialarbeit bedeute in diesem Sinne, die Menschen, denen man helfen wolle, auf eigene Ideen zu bringen, zur Eigeninitiative und produktiven Phantasie anzuleiten. Die Wirkungsmöglichkeiten seines Vereins beurteilte Erdogan angesichts des wachsenden Zuspruchs positiv; die Ansicht, dass muslimische Männer innerhalb der Familie durchweg die Position eines Patriarchen und Befehlsinhabers einnähmen, korrigierte er jedoch zumindest bezüglich der Väter- und Großvätergeneration. Hier bestehe eine eklatante Differenz zwischen symbolischer Macht und tatsächlicher Ohnmacht, zwischen religiös und kulturell tradierten Rollenbildern und deren realer Entwertung. Die Erfahrung dieser Differenz werde in den Treffen der Männergruppe artikuliert, diskutiert und mit dem Zweck der Verbesserung eigener Lebensverhältnisse bearbeitet.

Die Psychoanalytikerin und Übersetzerin Houria Abdelouahed, die als Professorin an der Universität Sorbonne Paris Nord lehrt, betrachtete des Phänomen der von muslimischen Männern begangenen Ehrenmorde in Bezug auf die Frage, inwiefern diese sich nicht nur gegen für dissident oder „ungläubig“ gehaltene Frauen richten, sondern auch dem Exorzismus des Weiblichen im männlichen Sozialcharakter dienten. Als eine Form des archaischen „Blutgelds“ seien Ehrenmorde historisch kein genuines Phänomen islamischer Kulturen, sondern hätten über Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen Kulturen, als gewaltsames Mittel existiert, um soziale, juristische und ökonomische Vermittlungsformen sozialer und intimer Konflikte zu blockieren. Charakteristisch für islamische Kulturen sei die ausschließliche Exekution der Blutrache am Leib weiblicher durch die Hand männlicher Familienmitglieder. Dies sei in einer Fetischisierung des Hymen als dem Ort weiblicher Reinheit, in dem die Familienehre verkörpert sei, begründet: In vielen Formen des Islams gelte der Vater bis heute als „Eigentümer des Jungfernhäutchens der Tochter“, so dass mit deren vermeintlicher, sei es selbst- oder fremdverschuldeter, „Entehrung“ die Ehre der gesamten Familie auf dem Spiel stehe. Die Logik des Ehrenmords verfestige so auf brutalste Art die als undurchdringlich betrachtete Grenze zwischen den Geschlechtern.

Der Hass auf die fehlgehende, sich entehrende oder entehrte Frau korrespondiere mit der Verachtung der Tatsache der menschlichen Bisexualität und damit auch der „passiven Homosexualität“ des Mannes, die ebenso wenig zugelassen werde wie aggressive, selbstmächtige weibliche Sexualität. Mit der aktiven weiblichen Sexualität werde zugleich das im Mann gegenwärtige Weibliche verfolgt, das die Exekutoren des Ehrenmordes an sich und aneinander nicht dulden könnten. Abdelouahed sprach deshalb von einer „verfolgenden Passivität“, die alles, worin sie sich selbst wiedererkenne, am Leib der Frau auszutreiben trachte. Durchbrochen werden könne diese Dynamik nur, indem „der Vater“ sich selbst aktiv und reflektiert seinerseits „dem Gesetz des Vaters“ unterwerfe und anerkenne, dass das durch ihn verkörperte Prinzip auch für ihn selbst und seinesgleichen gelte, wodurch es in die Schranken der Vernunft verwiesen und durch diese kontrollier- und überprüfbar werden könne. An der abschließenden Podiumsdiskussion nahmen der Wiener Psychoanalytiker und Schriftsteller Sama Maani, der Freiburger Religionspsychologe und Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, Emina Saric, Projektleiterin von „Heroes – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“, und Kushtrim Alili teil, der für „Heroes“ als Social Media Manager und Gruppenleiter arbeitet. Die Frage, welche Bedeutung die Psychoanalyse für die kritische Männerarbeit mit Muslimen verschiedener Genrationen habe könne, wurde eher abwartend und skeptisch beantwortet. Maani betonte, dass die Psychoanalyse nur teilweise eine Hilfswissenschaft von Pädagogik und Bildungsarbeit sei und im Kern auf eine aufgeklärte, weit in die jeweilige biographische Vergangenheit zurückreichende Selbstreflexion ziele, so dass sie vor allem bei solchen muslimischen Männern fruchtbar werden könne, deren Ich aufgrund ihrer eigenen Sozialisation bereits gefestigt und selbstdistanziert genug sei, um sich den Fragen, die eine Psychoanalyse stelle, zu öffnen. Ourghi strich heraus, dass nach dem antisemitischen Massenpogrom des 7. Oktober die psychoanalytische Frage nach den Ursachen des unter Muslimen verbreiteten Antisemitismus sich in neuer Dringlichkeit stelle. Signifikant an den Morden sei vor allem gewesen, dass die Täter Ihre Handlungen gezielt als „Entehrung“ der weiblichen israelischen Opfer exekutierten. Saric und Alili stellten dar, wie die Arbeit von „Heroes“ unabhängig von breit angelegten theoretischen Fragestellungen darauf ziele, junge Muslime in fassadenhaften identitären Selbstbildern zu erschüttern und sie ansprechbar zu machen für soziale Kontakte, die über ihr identitär abgeschlossenes Selbstverhältnis hinauswiesen. In der Ausgangsfrage, „ob alle männlichen Muslime auf die Couch müssten“, waren sich die Beteiligten einig: Auch wenn das psychoanalytische Erkenntnisinteresse für die adressierten Gruppen unterschiedliche Relevanz habe, sei eine individuell wie kulturell fokussierte Psychoanalyse des Islams unbedingt wünschenswert.

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